Dioxine im Fisch

Inside Loop

EU-Höchstgehalte für Dioxine und dioxinähnliche PCB in Fisch schützen Vielverzehrer von fetthaltigem Fisch nicht immer ausreichend Gesundheitliche Bewertung Nr. 041/2006 des BfR vom 1. Juni 2006 Dioxine und dioxinähnliche polychlorierte Biphenyle (dl-PCB) sind zwei ubiquitär vorkommende Stoffgruppen. Einige Vertreter (Kongenere) sind besonders giftig und langlebig. Ihre Toxizität wird mit der Giftigkeit des Seveso-Dioxins verglichen und als so genanntes Toxizitäts Äquivalent (TEQ) angegeben. Dioxine und dioxinähnliche PCB reichern sich im Fettgewebe von Tieren und Menschen an und können so die Gesundheit gefährden.

Verbraucher nehmen einen Großteil dieser Verbindungen über fetthaltige tierische Nahrung wie Milch, Fleisch, Eier und Fisch auf. Zum Schutz der Bevölkerung gelten in der Europäischen Union (EU) seit dem 01.07.2002 Höchstgehalte für Dioxine. Die EU-Kommission hat diese Regelungen nun erweitert und ab November 2006 geltende Höchstgehalte für Dioxine und dioxinähnliche PCB festgesetzt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wurde gebeten, die Höchstgehalte für Fisch anhand aktueller deutscher Belastungsdaten aus Sicht des gesundheitlichen Verbraucherschutzes zu bewerten. Für Fischleber ist in der neuen Verordnung kein Höchstgehalt vorgesehen. Das BfR hat Dorschleber trotzdem in seine Bewertung einbezogen, weil dieses Lebensmittel hohe Dioxin- und PCB-Gehalte aufweisen kann. Der neue europäische Höchstgehalt für Dioxine und dioxinähnliche PCB in Fischen und deren Erzeugnissen liegt bei 8 Pikogramm (pg) WHO-TEQ pro Gramm Frischgewicht. Eine Ausnahme stellt Aal dar: Für diesen sehr fetthaltigen Fisch liegt der Höchstgehalt bei 12 pg WHO-TEQ/g Frischgewicht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, dass Fisch als „gesundes Lebensmittel“ ein- bis zweimal in der Woche auf dem Speiseplan stehen sollte – bevorzugt magere oder halbfette Sorten. Diese Empfehlung hat das BfR bei seiner Bewertung der Höchstgehalte zugrunde gelegt und zur täglichen Aufnahme von Dioxinen und dioxinähnlichen PCB verschiedene Modellrechnungen durchgeführt, die sich an den Verzehrsmengen und -gewohnheiten der Verbraucher orientieren. Die Ergebnisse zeigen, dass Verbraucher, deren Fischkonsum sich an den DGE-Empfehlungen orientiert, keine Gehalte aufnehmen, die oberhalb der tolerierbaren (lebenslangen) täglichen Aufnahme (tolerable daily intake, TDI) liegen, welche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf 1 bis 4 pg WHO-TEQ pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt hat. Die Berechnungen zeigen aber auch, dass die Höchstgehalte nicht immer einen ausreichenden Schutz für Verbrauchergruppen mit besonderen Verzehrsgewohnheiten bieten: Dazu zählen Personen, die über längere Zeit in hohen Mengen fette Fische wie Lachs, Makrele und insbesondere Aal verzehren, sowie Sportangler, sofern sie ihre Speisefische über längere Zeit in höher belasteten Gewässern fangen und selbst verzehren. Dasselbe gilt für Personen, die häufig Dorschleber konsumieren. Das BfR empfiehlt, nur für diese Verbrauchergruppen gezielte Verzehrsempfehlungen auszusprechen. Solange auf EU-Ebene kein Höchstgehalt für Fischleber festgelegt ist, sollte außerdem eine generelle Verzehrswarnung für Dorschleber geprüft werden. Für alle anderen Verbraucher gilt weiterhin, dass Fisch ein hochwertiges Lebensmittel ist, das einen wichtigen Beitrag für eine gesunde Ernährung leisten kann.

1 Gegenstand der Bewertung

Die Europäische Kommission hat am 3. Februar 2006 die Verordnung (EG) Nr. 199/2006 zu Dioxinen und zu der Summe von Dioxinen und dioxinähnlichen PCB in Fischen und Fischereierzeugnissen bzw. in Aal und dessen Verarbeitungserzeugnissen erlassen. Die darin enthaltenen Höchstgehalte gelten ab dem 4. November 2006. Das Bundesinstitut für Risiko bewertung (BfR) wurde um eine gesundheitliche Bewertung dieser Höchstgehalte sowie um die Bewertung von Dorschleber anhand aktueller Belastungsdaten aus Deutschland gebeten.

2 Ergebnis

2.1 Fisch und Aal

Aus toxikologischer Sicht des BfR schützt der in der Verordnung (EG) 199/2006 vorgesehene Höchstgehalt an Dioxinen und dioxin-ähnlichen PCB für Fische und Fischereierzeugnisse sowie für Aal und dessen Verarbeitungserzeugnisse die Verbraucher nicht immer vor zu hohen Belastungen mit diesen Stoffen. Das gilt beispielsweise für Personen, die über längere Zeit ausschließlich Fische aus höher belasteten Gewässern verzehren, wie z. B. Sportangler, sowie für Personen, die in hohen Mengen fette Fische, insbesondere Aal, bevorzugen. Das BfR empfiehlt aus Sicht des gesundheitlichen Verbraucherschutzes, für Hochverzehrer der Lebensmittelgruppe Fisch inklusive Aal in bestimmten Fällen – beispielsweise regional begrenzt – Verzehrsempfehlungen zu geben.

2.2 Dorschleber

Das BfR empfiehlt, Fischleber und insbesondere Dorschleber mit einem eigenen angemessenen Höchstgehalt in die Verordnung (EG) 199/2006 ausdrücklich aufzunehmen. So lange für Fischleber kein gesetzlicher Höchstgehalt für Dioxine und dioxinähnliche PCB festgelegt ist, empfiehlt das BfR zu prüfen, ob für Dorschleber eine generelle Verzehrswarnung ausgesprochen werden sollte.

3 Begründung

3.1 Agens

3.1.1 Dioxine

Der Begriff „Dioxine“ bezieht sich auf zwei Klassen unterschiedlich chlorierter Verbindungen, die aus 75 polychlorierten Dibenzo-p-dioxinen (PCDD) und 135 polychlorierten Dibenzofuranen (PCDF) bestehen. Dioxine (PCDD/F) haben ähnliche chemische, physikalische und toxische Eigenschaften und sind lipophile Verbindungen, die sich im Fettgewebe von Tieren und Menschen anreichern. Als besonders toxisch und gleichzeitig persistent gelten 17 Kongenere, die in 2,3,7,8-Stellung chloriert sind. Das Kongener mit der höchsten Toxizität ist das 2,3,7,8-TCDD, das so genannte Seveso-Dioxin. In Relation zu diesem Kongener werden den anderen 2,3,7,8-substituierten Dioxinen Toxizitätsäquivalentfaktoren (TEF) zugeordnet. Die Konzentrationen der einzelnen Kongenere werden mit den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegten TEF multipliziert und anschließend addiert. Daraus ergibt sich als Summe die Dioxin-Toxizitätsäquivalentkonzentration (WHO-PCDD/F-TEQ). Dioxine sind unerwünschte Nebenprodukte, die hauptsächlich bei bestimmten industriellen Prozessen sowie bei Verbrennungsprozessen (z.B. Verbrennung von Haus- und Sondermüll) zwangsläufig entstehen und freigesetzt werden können. Dioxine wurden und werden also nicht zweckbestimmt produziert (ausgenommen für wissenschaftliche Zwecke).

3.1.2 Dioxinähnliche polychlorierte Biphenyle

Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind eine Gruppe von chlorierten Substanzen, die sich durch unterschiedliche Anzahl und Stellung der Chloratome am Biphenyl unterscheiden und damit aus 209 Kongeneren bestehen, von denen ca. 130 in produzierten Gemischen vorkommen. Im Gegensatz zu Dioxinen sind PCB für verschiedene Anwendungen zweckbestimmt hergestellt worden, in der Hauptsache als nicht brennende und den Strom nicht leitende zähe Flüssigkeiten in Transformatoren und in der Hydraulik (Bergbau). Wie Dioxine sind PCB lipophil und teilweise persistent. Sie reichern sich demzufolge im Fettgewebe von Mensch und Tier an.

Einige PCB zeigen aufgrund ihres Molekülaufbaus Ähnlichkeiten mit Dioxinen. Sie werden deshalb dioxinähnliche PCB (dl-PCB) genannt. Es überwiegen allerdings die so genannten nicht-dioxinähnlichen PCB. Den dioxinähnlichen PCB werden, ebenso wie den Dioxinen, Toxizitätsäquivalentfaktoren (TEF) zugeordnet, die diese PCB-Kongenere gemäß ihrer Toxizität im Vergleich zum 2,3,7,8-TCDD einstufen. Wie bei den PCDD/F können die dioxinähnlichen PCB so als Dioxinäquivalente (WHO-PCB-TEQ) zusammengefasst werden. Die Summe von   HO-PCDD/F-TEQ und WHO-PCB-TEQ wird als Gesamt-Dioxinäquivalent (WHO-PCDD/F-PCB-TEQ) bezeichnet und im folgenden Text mit WHO-TEQ abgekürzt. In der von der Europäischen Kommission am 3. Februar 2006 erlassenen Verordnung (EG) Nr. 199/2006 sind sowohl Höchstgehalte für WHO-PCDD/F-TEQ als auch für WHO-TEQ aufgeführt.

Da die Höchstgehalte für WHO-PCDD/F-TEQ in den jeweiligen Lebensmitteln immer unterhalb des dazugehörigen Höchstgehaltes für WHO-TEQ liegen und zugleich deren Bestandteil sind, beschränkt sich die gesundheitliche Bewertung des BfR auf die WHO-TEQ.

3.2 Fische und Fischereiprodukte

Das Muskelfleisch von Fisch und Fischereierzeugnissen sowie von ihren Verarbeitungserzeugnissen gemäß der VO (EG) 199/2006 umfasst bestimmte Kategorien aus Artikel 1 der Verordnung (EG) Nr. 104/2000. Die Warenbezeichnungen der Kategorien sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Aale werden in dieser Stellungnahme aufgrund ihres eigenen   Höchstgehaltes in der VO (EG) 199/2006 (vgl. Tabelle 4) separat bewertet und nicht entsprechend der biologischen Systematik mit den anderen Fischen zusammengefasst.

Tabelle 1: Übersicht über die Fischereierzeugnisse, für die gemäß VO (EG) 199/2006 die WHO-TEQHöchstgehalte gelten

tabelle1

Die Übersicht in Tabelle 1 verdeutlicht, dass Fischleber, wie z. B. die Dorschleber, als Lebensmittel in der Verordnung (EG) 199/2006 in Bezug auf die Höchstgehalte für Dioxine und dl-PCB nicht berücksichtigt ist, obwohl sich in ihr Dioxine, PCB und andere Organochlorverbindungen (OC) stark anreichern können.1

3.3 Gefährdungspotenzial

Anders als bei vielen anderen toxischen Substanzen lassen sich bei Dioxinen Erkenntnisse aus Tierversuchen nur stark eingeschränkt auf den Menschen übertragen, weil die Wirkungen in hohem Grad von der Spezies abhängig sind (Abraham 2002).


Akute Wirkungen von hohen Dioxin- und dl-PCB-Dosen sind beim Menschen nach arbeitsplatz oder unfallbedingter Aufnahme beschrieben. Am häufigsten treten lang anhaltende Hautläsionen auf, die als „Chlorakne“ bezeichnet werden. Veränderungen der klinischchemischen Parameter (vor allem Anstieg der Konzentrationen an Triglyceriden, Cholesterin und Transaminasen im Blut) weisen auch auf Leberschädigungen hin. Als chronische Wirkungen von Dioxinen und dl-PCB wurden bei Tierversuchen Störungen der Reproduktionsfunktionen, des Immunsystems, des Nervensystems, des Hormonhaushalts und der Enzymaktivitäten beschrieben. Verschiedene Dioxine und dl-PCB gelten als Tumorpromotoren. In jüngster Zeit werden insbesondere Ergebnisse aus epidemiologischen Studien zur Beeinträchtigung der neuropsychologischen Entwicklung von Kindern durch pränatale (Dioxin-Exposition über Plazenta) und postnatale (Dioxin-Exposition über Muttermilch) Dioxin-Exposition kontrovers diskutiert.

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1 Im Entwurf der EU-Kommission SANCO/2005/03995/00/00/TRA rev 7 vom 6.9.2006 ist inzwischen vorgesehen, die unter Kategorie „a“ ebenfalls aufgeführte Ware Fischleber (KN-Code 03 02 70 00) auszuschließen (Anm. der BfR-Online-Redaktion

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Von den Dioxinen ist seit 1997 das 2,3,7,8-TCDD als humankanzerogen eingestuft. Alle anderen Dioxine werden von der International Agency for Research on Cancer (IARC) in Gruppe 32 geführt (WHO 1997). Die PCB wurden von der IARC bereits 1978 in Gruppe 2A3 eingestuft (WHO 1978). Diese Einstufung wurde bei Aktualisierung der IARC-Monographien 1987 beibehalten (WHO 1987). Vom Scientific Committee on Food (SCF) wurde 2001 der tolerable weekly intake (TWI) für die Gruppe der Dioxine und dl-PCB, ausgedrückt als WHO-TEQ, mit 14 pg/kg Körpergewicht festgelegt (SCF 2001). Das entspricht einem tolerable daily intake (TDI) von 2 pg/kg Körpergewicht. Das SCF bezieht die tolerable Aufnahmemenge allerdings auf eine Woche, um die langen Halbwertzeiten (mehrere Jahre) der Dioxine und dl-PCB im menschlichen Körper gegenüber einer kurzfristigen einmaligen Aufnahme zu relativieren. Als Grundlage für die Ableitung des TWI für die WHO-TEQ hat das SCF den Lowest Observed Adverse Effect Level (LOAEL) für die verminderte Spermienproduktion und das veränderte Sexualverhalten von männlichen Wistar-Ratten herangezogen, die von Faqi et al. 1998 beschrieben wurden. Von der WHO wurde für den tolerable daily intake (TDI) ein Bereich von 1-4 pg WHOTEQ/kg Körpergewicht pro Tag festgelegt (WHO 2000). Dabei wird die obere Grenze des TDI von 4 pg WHO-TEQ/kg Körpergewicht als provisorische Basis der maximal tolerierbaren Aufnahme verstanden. Der untere Wert dokumentiert das Ziel der WHO, die Aufnahme von WHO-TEQ beim Menschen auf unter 1 pg/kg Körpergewicht zu reduzieren. Als Grundlage für den TDI-Bereich der WHO-TEQ hat die WHO die LOAELs herangezogen, die von verschiedenen Autoren für unterschiedliche Spezies und für verschiedene Endpunkte4 beschrieben
sind. Das BfR legt seiner gesundheitlichen Bewertung den WHO-TDI zugrunde. Damit ist ein vorübergehendes Erreichen des oberen Wertebereichs hinnehmbar, insbesondere langfristig sollte aber unbedingt der untere Wert des Bereiches angestrebt werden. Deshalb hält es das BfR für erforderlich, die derzeitige deutsche Durchschnittsbelastung von ca. 1-2 pg WHOTEQ/kg Körpergewicht und Tag über Lebensmittel weiter zu senken.
3.4 Exposition

Die tägliche Aufnahme von WHO-TEQ über Lebensmittel in Deutschland betrug nach Analysenergebnissen aus den Jahren 2000 bis 2003 im Mittel ca. 2 pg WHO-TEQ/kg Körpergewicht und Tag (Bund/Länder-Arbeitsgruppe DIOXINE 2003). Aufgrund der sich seitdem fortsetzenden Belastungsminderung kann derzeit von einer täglichen oralen Aufnahme von 1-2 pg WHO-TEQ/kg Körpergewicht und Tag ausgegangen werden. Als Hauptbelastungsquelle für die Bevölkerung sind fetthaltige tierische Lebensmittel hervorzuheben,
zu denen Milch, Fleisch, Eier und Fisch sowie deren Produkte zählen. Fische lassen sich aufgrund ihres unterschiedlichen Fettgehalts in Mager-, Halbfett- und Fettfische einteilen. Zu den fettarmen Fischen mit Fettgehalten um 1 % zählen u. a. Kabeljau, Seelachs, Schollen und Garnelen. Seehecht und Rotbarsch sind Beispiele für Fische mit mittlerem Fettgehalt zwischen 1 % und 7 %. Zu den Fettfischen mit einem Fettgehalt von
über 7 % zählen beispielsweise Lachs, Makrele, Hering, Thunfisch, Heilbutt und Aal. Es ist bekannt, dass mit steigendem Fettgehalt der Fische meist höhere Konzentrationen an WHO-TEQ einhergehen (Karl 2004). In einer Studie der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel (BfEL) werden für die Magerfische Kabeljau, Seelachs, Alaska Seelachs und Scholle mittlere Konzentrationen unterhalb von 0,3 pg WHO-TEQ/g Fisch angegeben.
Bei den Fettfischen Lachs, Makrele und Heilbutt wurden zwischen 2 und 3 pg WHOTEQ/ g Fisch bestimmt.
Malisch et al. geben als „upper end of the usual background contamination“ die in Tabelle 2 dargestellten Konzentrationen an (Malisch 2004), was – abhängig vom Fettgehalt der Fische
– ungefähr dem 95. Perzentil der Hintergrundbelastung für die Lebensmittelgruppe Fisch entspricht.

Tabelle 2: Abhängigkeit des WHO-TEQ-Gehaltes (upper end of the usual background contamination) im Fisch vom Fettgehalt (nach Malisch 2004) tabelle2

Tabelle 5: Übersicht über die tägliche Aufnahme an WHO-TEQ bei Erwachsenen (60 kg Körpergewicht) in Abhängigkeit von den Verzehrsgewohnheiten bei Zugrundelegen der in der Verordnung (EG) 199/2006 festgelegten WHO-TEQ-Höchstgehalte für Fisch und Fischereiprodukte bzw. Aal und dessen Verarbeitungsprodukte (ohne Berücksichtigung anderer Lebensmittel)


tabelle5

Wie Tabelle 5 verdeutlicht, übersteigen die empfohlenen Verzehrsmengen der DGE für Fisch teilweise die derzeitigen tatsächlichen Ist-Verzehrsmengen von Hochverzehrern (90. Perzentil), wenn eine Portionsgröße von 200 g unterstellt wird. Um den Aspekt des gesundheitlichen Verbraucherschutzes in der folgenden Risikocharakterisierung angemessen zu berücksichtigen, wird neben den durchschnittlichen Ist-Verzehrsmengen für Vielverzehrer der Schwerpunkt auf die DGE-Verzehrsempfehlung von zwei Portionen Fisch pro Woche (DGE 2004) gelegt. Als Portionsgröße wird dabei von 200 g Fisch ausgegangen. Bei zwei Portionen pro Woche errechnet sich so eine Verzehrsmenge von 60 g Fisch/Tag.

Tabelle 6: Übersicht über die tägliche Aufnahme an WHO-TEQ bei Erwachsenen (60 kg Körpergewicht)
von ca. 2,5 pg WHO-TEQ/kg KG/Tag *) durch Fisch in Abhängigkeit von den dazugehörigen Verzehrsgewohnheiten
und WHO-TEQ-Konzentrationen

tabelle6

3.5 Risikocharakterisierung
3.5.1 Fisch und Aal

In Tabelle 5 sind verschiedene hypothetische Aufnahmen an WHO-TEQ durch Fische zusammengestellt, die sich bei unterschiedlichen Modellen zu den Verzehrsmengen und den festgelegten Höchstgehalten für Fische errechnen. Bei einem durchschnittlichen Fischkonsum (20 g Fisch pro Tag, ohne Aal) würden 2,7 pg WHO-TEQ/kg Körpergewicht/Tag aufgenommen. Davon ausgehend, dass alle anderen Lebensmittel derzeit durchschnittlich in der Summe mit etwas über 1 pg/kg Körpergewicht/Tag belastet sind, würde damit der obere Wert des Bereichs für den TDI der WHO erreicht. Dies wäre nur vorübergehend tolerabel. Bei höheren Verzehrsmengen würde der obere Wert des Bereichs für den TDI der WHO allein durch die Lebensmittelgruppe Fisch erreicht bzw. überschritten. Dies gilt insbesondere für Aal, für den ein Höchstgehalt von 12 pg WHO-TEQ/g Fisch festgelegt wurde.
Bei diesen Rechenbeispielen muss betont werden, dass die Betrachtungen abstrakte Modelle darstellen, die sich mit Rücksicht auf den Vorsorgegedanken an eher ungünstigen Ernährungsbedingungen orientieren. Tatsächlich wird davon ausgegangen, dass nur in Ausnahmefällen ein andauernder Verzehr von Fischen mit Gehalten im Bereich der Höchstgehalte besteht. Ebenso sind hohe Verzehrsmengen von Aal (s. u.) eher unwahrscheinlich bzw. sehr selten. Andererseits wird mit diesen Modellrechnungen gezeigt, dass in Einzelfällen bei besonderen Verzehrsgewohnheiten WHO-TEQ-Gehalte aufgenommen werden, die nicht toleriert werden dürfen. Als Beispiel können Angler genannt werden, die Vielverzehrer sind und sich hauptsächlich von Fischen mit hohen WHO-TEQ-Gehalten (vor allem Fettfische) aus überdurchschnittlich belasteten Gewässern ernähren.
Für eine bessere Abschätzung, zu hohen Belastungen an WHO-TEQ durch Fischverzehr ausgesetzt zu sein, sind in Tabelle 6 verschiedene Verzehrsgewohnheiten für Fisch und WHO-TEQ-Gehalte in Fischen zusammengestellt. Es wird davon ausgegangen, dass die daraus errechneten Aufnahmen an WHO-TEQ zusammen mit den entsprechenden durchschnittlichen Aufnahmen aus den anderen Lebensmitteln ca. 4 pg WHO-TEQ/kg Körpergewicht/Tag ergeben und somit nur für eine begrenzte Zeit toleriert werden dürfen. Tabelle 6 verdeutlicht, dass sehr hoher Verzehr (60 g/Tag) ausschließlich fetter Fische über längere Zeit grundsätzlich zu vermeiden ist, da bereits die in diesen Fischen durchschnittlich vorkommenden Konzentrationen von 2-3 pg WHO-TEQ/kg zu längerfristig nicht tolerablen Aufnahmen führen. Andererseits belegen die Modellrechnungen in Tabelle 6, dass für Verbraucher, deren Essgewohnheiten sich am Warenkorb für Fische (durchschnittliche Konzentration von ca. 0,8 pg WHO-TEQ/g Fisch, kein Schwerpunkt bei fetten Fischen) und an den DGEVerzehrsempfehlungen (DGE 2004) orientieren, keine Einschränkung der Verzehrsempfehlung wegen zu hoher WHO-TEQ-Konzentrationen im Fisch notwendig ist. Selbst bei höchstem Fischverzehr (60 g pro Tag) wird gerade eine Aufnahme von 0,8 pg WHO-TEQ/kg Körpergewicht/Tag erreicht.
Da Aale als besonders fetthaltige Fische häufig hohe Gehalte an WHO-TEQ aufweisen, sollte diese Fischart verstärkt beobachtet werden. Für die Risikocharakterisierung der WHOTEQ-Gehalte in Aal wurden im BfR Daten aus dem Ernährungssurvey (Mensink 1998) zu den Verzehrsmengen ausgewertet, um langfristige Aufnahmen über die übliche Ernährung abzuschätzen. Aal gehört zu den eher selten verzehrten Lebensmitteln. Weniger als 1 % der Bevölkerung in Deutschland isst Aal. Aufgrund dieses kleinen Anteils an Verzehrern sind die Schätzungen über mittlere Verzehrsmengen mit vergleichsweise großen Unsicherheiten behaftet. Der Mittelwert und das 95. Perzentil der Aufnahmemengen für Verzehrer von Aal liegen in der Verteilung nah beieinander und werden mit großen Unsicherheiten auf ca. 15 g Aal (aufgerundet) pro Tag geschätzt. Vor dem Hintergrund, dass bei Aalen höhere Anteile der Fänge mit hohen WHO-TEQ-Konzentrationen (allerdings unterhalb des vorgesehenen Höchstgehalts) belastet sein und gewerbsmäßig in den Verkehr kommen können – sollte dieser Personenkreis vor zu hohen Belastungen geschützt und dabei insbesondere Hobbyangler berücksichtigt werden. Aus einigen Bundesländern liegen bereits Erfahrungen mit entsprechenden Verzehrsempfehlungen vor. Die DGE hat in ihrer Information vom 1.5.2004 Mengenvorschläge für diverse Lebensmittel vorgestellt (DGE 2004a). Für Fische werden folgende Mengen für die wöchentliche Aufnahme angegeben:

  • Seefisch fettarm: 80-150 g
  • Seefisch fettreich: 70 g

Die Umrechnung auf den Tag ergibt eine durchschnittliche empfohlene tägliche (gerundete) Aufnahme von 10-20 g fettarmem und 10 g fettreichem Seefisch. Diesen „Hinweis zur optimierten Nährstoffaufnahme“ hält das BfR insbesondere bezüglich der möglichen erhöhten WHO-TEQ-Aufnahme durch fettreiche Fische für sehr nützlich, da überhöhte  gerbraucherbelastungen aus dieser Gruppe von Fischen mit WHO-TEQ unterhalb der Höchstgehalte damit praktisch ausgeschlossen werden. Unabhängig davon bestehen aus Sicht des BfR für den Verbraucher bei den hier vorgestellten Portionsgrößen (Tabelle 4 und 5) keine mengenmäßigen Einschränkungen bezüglich der WHO-TEQ-Belastung. Sie orientieren sich an den Verzehrsgewohnheiten der Verbraucher und entsprechen dem Warenkorb, wonach der Verbraucher nicht ausschließlich fette Fische konsumiert. Einseitig hoher und langfristiger Verzehr von fettreichen Fischen sollte vermieden werden. Unter Berücksichtigung des gesundheitlichen Vorsorgeprinzips empfiehlt das BfR den in Deutschland zuständigen Lebensmittelbehörden bei höheren WHO-TEQ-Konzentrationen zu prüfen, ob für bestimmte Personengruppen Verzehrsempfehlungen ausgesprochen werden sollten.

Diese könnten sich beispielsweise an Angler mit länger andauerndem, überdurchschnittlichem Verzehr von Fischen (insbesondere von Aalen) aus auffällig kontaminierten Gewässern richten, zumal die festgelegten Höchstgehalte nicht gelten, wenn Lebensmittel für den Eigenbedarf gewonnen werden. Für diese Empfehlungen könnten Modellrechnungen analog zu denen in Tabelle 6 als Grundlage dienen. Dies bedeutet auch, dass trotz Einhaltung der Höchstgehalte Verzehrsempfehlungen erforderlich sein können. Derartige Verzehrsempfehlungen sollten sich nur an Verbraucher richten, die wie Angler zu den Hochverzehrern gehören, darüber hinaus überwiegend Fisch aus mit höher an WHOTEQ belasteten Gewässern konsumieren Dabei sollte je nach Belastungssituation darauf geachtet werden, inwieweit der TDI der WHO ausgeschöpft wird. Längerfristige Belastungen im Bereich des oberen TDI-Wertes der WHO könnten so festgestellt und durch Verzehrseinschränkungen vermieden werden. In einigen Fällen müsste sogar vom Verzehr abgeraten werden.


3.5.2 Dorschleber

Dorschleber zählt zu den selten verzehrten Lebensmitteln. Aufgrund der hohen WHO-TEQGehalte sind für Verzehrer dennoch hohe WHO-TEQ-Aufnahmen festzustellen. Für diese Gruppe wird im Durchschnitt ein einmaliger Verzehr im Monat und als 95. Perzentil ein wöchentlicher Verzehr von je einer Portion geschätzt. Ausgehend von einer Portionsgröße von 150 g liegen damit auf den Tag umgerechnete Aufnahmen von 5 g bzw. 20 g vor. Bei den als  repräsentativ geltenden üblichen Konzentrationen von rund 50 pg WHO-TEQ/g Dorschleber resultieren daraus tägliche Aufnahmen von gerundet 4 pg bzw. 17 pg WHO-TEQ/kg Körpergewicht/ Tag für eine erwachsene Person mit 60 kg Körpergewicht. Derartig hohe WHO-TEQ-Aufnahmen allein durch Dorschleber können, auch wenn nur ein geringer Teil der Bevölkerung betroffen ist, nicht hingenommen werden und sollten verhindert werden. Nach Auswertung der ausstehenden Ergebnisse zu WHO-TEQ-Gehalten in Dorschleber, die Deutschland im Rahmen des EU-weiten Monitorings zu WHO-TEQGehalten beiträgt, sollte aufgrund des hohen Kontaminationsgrades dieses Lebensmittels geprüft werden, ob eine Verzehrswarnung für Dorschleber ausgesprochen werden muss.

3.5.3 Weitere Aspekte
Vor dem Hintergrund, dass Fisch – einschließlich fettreichem Fisch – eine wertvolle Quelle für Eiweiß, langkettige ungesättigte Omega-3-Fettsäuren, Vitamine und Mineralien darstellt und damit wichtig für eine gesunde Ernährung mit präventivem Nutzen ist, sollte unbedingt vermieden werden, dass diese Lebensmittelgruppe wegen vereinzelter, hoher Gehalte an Dioxinen und dl-PCB pauschal in Verruf gerät. Vielmehr gilt es, einzelne insgesamt kleine Personengruppen zu identifizieren, deren höhere Dioxinaufnahmen vermeidbar und unter dem Aspekt der gesundheitlichen Vorsorge längerfristig nicht zu tolerieren sind. Die Höchstgehalte für WHO-TEQ in Fisch leisten dazu keinen ausreichenden Beitrag. Die Aussage, dass die für WHO-TEQ in der EU festgelegten Höchstgehalte für Fisch nicht immer einen ausreichenden Schutz des Verbrauchers vor zu hohen Belastungen an diesen Stoffen beinhalten, lässt sich grundsätzlich auf alle Lebensmittel tierischer Herkunft übertragen. Unstrittig bleibt, dass der Rückgang der Belastung des Verbrauchers weiter vorangetrieben werden muss. Das „Verstopfen“ von Quellen und die Überwachung von Lebens- und Futtermitteln zur Identifizierung zu hoher Belastungen des Verbrauchers zählen zu den erfolgreichen Maßnahmen.

Quell: www.bfr.bund.de

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